Dienstag, 9. Mai 2006

Arbeiten im Familienkreis Harnoncourt

Mozarts Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ feiert Premiere: Das selten gespielte Bühnenwerk schrieb Mozart bereits mit 11 Jahren. Bei der ersten echten Eigenproduktion des Theater an der Wien ist beinahe die gesamte Familie Harnoncourt anzutreffen: Nikolaus Harnoncourt dirigiert, Sohn Philipp führt Regie, die Tochter Elisabeth von Magnus wird in der Partie der Gerechtigkeit zu hören sein. Und Gattin Alice Harnoncourt sitzt am Geigenpult.

Szene aus "Schuldigkeit des ersten Gebots"
Szenebild mit Harnoncourt-Tochter Elisabeth von Magnus

Soll der Mensch für die Verheißungen des Jenseits oder für die Freuden des Diesseits leben, das ist die zentrale Frage dieses religiösen Lehrstückes. Eine Frage, die Theologen und Philosophen beschäftigt hat, aber nicht unbedingt eine kinderfreundliche Sache ist.

Jedoch: Wolfgang Amadeus Mozart komponierte das seit der Uraufführung kaum gespielte Singspiel „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ – sein KV 35 – im Jahr 1767, im Alter von nur elf Jahren. Der Salzburger Erzbischof Graf Schrattenbach hatte den Auftrag dazu erteilt um das Können des Wunderkindes auf die Probe zu stellen. Und Mozart bestand furios.

"Mozart war niemals elf"


„Mozart war niemals elf, zumindest nicht als Komponist“, macht Dirigent Nikolaus Harnoncourt unmißverständlich klar. Heute sind solche Ausnahme-Begabungen „wohl eher bei Motorcrossfahrern“, bei „Schifahrer-Söhnen“ anzutreffen, meint Sohn Philipp. Einige Arien gehören zu den längsten, die Mozart überhaupt je komponiert hat. Auf 200 Partiturseiten hat Mozart ein Vorspiel, 8 Arien (inklusive Rezitativen) und ein Schlußterzett niedergeschrieben. Immerhin eineinhalb Stunden beträgt die Gesamtspielzeit. Dennoch ist „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ nur der erste Teil eines Dreiakters, die von Anton Cajetan Adlgasser und Michael Haydn komponierten Teile sind aber verloren gegangen.

Dirigent Nikolaus Harnoncourt
Nikolaus Harnoncourt dirigiert Mozarts Jugendwerk

Parallelen zum Salzburger „Jedermann“ tun sich auf, verfolgt man die Handlung im Detail: Der „laue und später eifrige Christ“ (gesungen von Bariton Christoph Genz) muß sich den Verlockungen des Weltgeists (Patricia Petibon) widersetzen, will er vom Christgeist (Michael Schade) nicht als „gottlos“ bezeichnet werden. Erst durch Vertrauen in die Barmherzigkeit (Juliane Banse) und auf Gerechtigkeit kann er in den Himmel kommen. Der Unterschied zu „Jedermann“: Wird im Hofmannsthal-Stück mit dem Sünder „abgerechnet, so ist bei Mozart die Entwicklung und Zukunft eines Menschen das Thema“.

Familienbande als Geheimnis

Elisabeth von Magnus, die Sängerin der Figur der Gerechtigkeit, legt die engen Familienbande nur ungern offen. Mit ihrem Vater hat sie aber schon unzählige Male musiziert. „Es ist kein Geheimnis, aber ich wollte mein Leben leben, nicht immer nur Familie sein. Vor allem wollt ich nie darauf spekulieren, die Tochter Harnoncourts zu sein.“ Auch mit ihrem Bruder Philipp hat von Magnus bereits zusammengearbeitet: 2002 bei der Hasse-Oper „Pyramus und Thisbe“ im Rahme des steirischen Festivals Styriarte. „Seitdem glaube ich ihm, bin bereit ihm zu folgen“. Der jüngere Bruder als Regisseur und damit auch als „Vorgesetzter“ – eine ungewohnte, aber durchaus „unproblematische“ Konstellation. Die Ergebnisse sind in den Aufführungen im Theater an der Wien am 12, 13. und 14. April erlebbar.

Philipp Harnoncourt
Philipp Harnoncourt führt Regie

Neue Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn

Gänzlich neu ist die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn Philipp, die allerdings bereits 2008 mit Mozarts „Idomeneo“ bei der Styriarte eine Fortsetzung finden wird. Wie diese abläuft? „Es ist so wie mit anderen guten Leuten. Als Regisseur hat man sogar Anfangs einen kleinen Vorsprung gegenüber dem Dirigenten – jedem Dirigenten –, weil man sich gründlich vorbereitet. Und wegen der technischen Umsetzung früh ein Konzept hat. Genauso wie man das Publikum ein bißchen überraschen soll, muß man jeden Partner aufs Erste überraschen. Es ist auch ein Test, ob das interessant ist, was man zeigen will.“

Alice Harnoncourt
Harnoncourt-Gattin Alice spielt im Concentus Musicus

Vater Harnoncourt, der das Oratorium dieser Tage erstmals dirigiert, liebt seit jeher angeregte Diskussionen: „Die Enkelkinder (8 an der Zahl) freuen sich immer, wenn sie mit ihren Großeltern über alle möglichen Themen philosophieren dürfen.“ Das gemeinsame Musizieren dagegen ist seltener geworden: Nikolaus Harnoncourt hatte 1967 mit den eigenen Kindern noch eine Schallplatte statt Weihnachtskarten pressen lassen. Die „Musik und Kasperltheater waren Freizeitgestaltung, heute wird am ehesten noch zu Anlässen miteinander gesungen.“

Musik und Religion

Neben Musik spielte auch Religion im Haushalt Harnoncourt seit jeher eine Rolle (ein Bruder Nikolaus Harnoncourts ist Theologe). „Die Musik, die mein Vater bisher gemacht hat, hatte ja immer einen religiösen Zusammenhang. Nicht vordergründig, aber im höheren Sinn. Bei diesem Stück ist es natürlich besonders vordergründig“, so Elisabeth von Magnus.

Dennoch will Regisseur Philipp Harnoncourt das Theater nicht in einen Kirchenraum verwandeln: „Kultisches und Theater – das hängt ja offensichtlich ein wenig zusammen. Trotzdem ist ein Theater ein anderer Raum. Im Theater kann man auch einen kritischen Blick auf die Kirche selbst werfen. In dem Werk ist Fundamentalismus im Spiel, auch sture Frömmlerei. Das Theater ist ein weltliches Medium, daher kann man da auch Dinge hinterfragen.“

„Mit Humor über den Dingen Stehen“


Humor und Unterhaltung müssen dabei nicht zu kurz kommen: „Es ist schon Ironie im Stück angelegt. Früher war den Theaterleuten klar, daß eine bierernste Bekehrung schwer funktioniert.“ Gerade im Theater ist es spannend, so Philipp Harnoncourt, „über ernste Dinge zu reden und trotzdem witzig zu sein. In allem worüber wir lachen, steckt oft etwas sehr Tragisches, Trauriges. Am wenigsten sind wir natürlich im religiösem Bereich Komik gewohnt.“
Aber, so sind sich die Geschwister einig: „Echte Geistliche sind sehr witzig - und wer über den Dingen steht, sich seiner Sache sicher ist, der verträgt auch Humor.“

Aktuelle Kritken: Presse

Trackback URL:
https://viennacult.twoday.net/stories/1935911/modTrackback

XXX

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Menü

Aktuelle Beiträge

Arbeiten im Familienkreis...
Mozarts Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“...
viennacult - 11. Mai, 14:24
Arbeiten im Familienkreis...
Mozarts Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“...
viennacult - 11. Mai, 13:59
Ein Mensch am Scheideweg:...
Aufgabe der Gerechtigkeit ist es, die Faulen zu bestrafen...
viennacult - 11. Mai, 13:57
Harnoncourt-Enkel im...
Die Sopranistin Elisabeth von Magnus und Regisseur...
viennacult - 11. Mai, 13:55
Benefizaktion zu Gunsten...
Gemeinsam mit dem Wiener Dorotheum veranstaltet der...
viennacult - 2. Mai, 10:35

Links

Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Dies ist ein Textblog!

XXXXXXXXXXXXXX

Suche

 

Status

Online seit 7282 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Mai, 14:24

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren